"Sie wollen doch damit nicht sagen, dass ...?!"
Verfasst von admin am 7. Januar 2011 - 13:49
Die „Hexenjagd“ ist alles andere als ein rasantes Stück: Niemand wird über die Bühne gejagt, und Hexen kommen auch nicht vor. Stattdessen zeigen wir, wie eine Dorfgemeinschaft auseinanderfällt und was passiert, wenn Menschen zu viel Angst haben: vor sich und vor anderen.
Von Thomas Erdmann
Das Leben in der Dorfgemeinschaft von Salem ist eng. Unnötig eng. Wir erleben Gespräche, die keine sind; Mechanik, wo Beziehung sein sollte; Nibelungentreue, Prinzipienreiterei und Machtgier. Die Gemeinschaft funktioniert nur an der Oberfläche, im Kern ringt jeder um seinen persönlichen Vorteil. Ein paar junge Mädchen wollen ausbrechen – aber zunächst hält die Dorfgemeinschaft alles zusammen. Wir spielen in einem kleinen Halbkreis, umgeben von hohen Kisten. Das Private ist nicht privat. Jede/r wird beobachtet. Sobald jedoch das Dorfgericht etabliert ist, öffnet sich das Korsett: Versteckte und unterdrückte Gefühle finden ein Ventil. Die Mädchen werden vor Gericht als Anklägerinnen ernst genommen und haben scheinbar erreicht, was sie sich wünschten. Gleichzeitig verliert die Gesellschaft ihren (Zusammen)Halt. Das braucht Platz. Aus dem engen Halbkreis wird eine offene Bühne, die Kisten stehen in gerader Linie am Horizont. Die Charaktere treten nach vorn. Ins Blickfeld.
Gewissensnot, die tödlich ist
Bei Arthur Miller geht es um Hexenverfolgung und Teufelszeug. Uns geht es um viel alltäglichere Dinge: um Freiheit, Geborgenheit und Ausbruch, Liebe, Verrat und – Angst. Die Angst, dass einer den gewohnten Denkrahmen sprengt, ein Wunschbild zerstört, die trügerische Sicherheit nimmt. Die Mädchen haben in sehr überschaubarem Rahmen gegen ein gesellschaftliches Tabu verstoßen. Na und?! Anstatt mit ihnen zu reden, nachzufragen, was passiert ist und warum, werden sie von einem selbsternannten Sittenwächter vorverurteilt. Kein Wunder, dass sie mit dem Mut der Verzweiflung ein riskantes Spiel beginnen, das sie selbst vor der Strafe schützt: Sie klagen Menschen an, die sie nicht mögen; bezichtigen sie der Hexerei. Auf Hexerei steht die Todesstrafe. Das Spiel eskaliert – als das einigen Mädchen dämmert, ist es längst zu spät. Also spielen sie weiter. Abigail, die "Anführerin", schart die Mädchen hinter sich.
Gefühle, die ins Leere gehen
Privat hat Abigail noch eine Rechnung offen: Sie liebt John Proctor, aber die bigotte Gesellschaft lässt ihren Mädchenträumen keine Chance. Sie kämpft um Proctors Liebe – und darum, dass er zu ihr steht und wenigstens ihre Affäre als das anerkennt, was es war: eine Zeit, die beiden etwas bedeutet hat. Aber Proctor schafft es nicht. Seine Entscheidung, bei seiner Familie zu bleiben, ist nur zum Teil ehrlich. Proctor ist gefangen – nicht in den Zwängen der Gesellschaft, denn die bedeutet ihm nichts, sondern in seinen eigenen: Er scheitert an seiner Unlust, Entscheidungen zu treffen. Seine Frau Elizabeth spürt das und kämpft darum, ihm glauben zu können. Sie provoziert ihn, sie will ihm helfen – und macht alles nur noch schlimmer. Einen Ausweg gibt es nicht.
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