Theater? Was ist das?

Klassisches Theater oder modernes Regietheater? Das ist die Frage, die immer mal wieder in der öffentlichen Diskussion auftaucht und auch viele Theaterbesucher beschäftigt, die gerne öfter klassische Inszenierungen sehen wollen und nicht immer „moderne" Aufführungen.

Meist wird diese Frage sehr polemisch diskutiert, was auch daran liegt, dass nicht so ganz klar ist was mit modernem (Regie-)theater gemeint ist. Was ist demnach klassisches Theater und was ist modernes Theater?

Das klassische Theater kann man Wikipedia folgend ungefähr so definieren:

Theater erzählt über Menschen, über das Leben. Die Zuschauer können wiedererkennen und Neues entdecken. Ein Bühnengeschehen kann bestätigen oder konterkarieren, kann neue Perspektiven eröffnen, den Blick für Alternativen schärfen." (Wikipedia)

Der Schwerpunkt liegt hier also auf der Geschichte die erzählt wird und mit welcher Absicht diese Geschichte erzählt wird. In gewisser Weise kann man damit die Art Geschichte zu erzählen verbinden, wie es Filme tun. Es gibt realistische Bühnenbilder mit Kostümen der Zeit und die Textfassung ist nur leicht gekürzt.

Das Theater wirkt dadurch, dass einen die Geschichte gefangen nimmt und man mit den Charakteren mitfühlt. Dadurch, dass man dies auf die eigene Welt überträgt, kann man über sich und die Welt in der man lebt nachdenken.

Dieses klassische Theater ist auch deshalb verschwunden, weil es der Film so viel besser macht. Wenn es um das suggestive Erzählen von Geschichten, das Erschaffen real wirkender Welten geht, dann ist der Film kaum zu schlagen. Das Theater kennt keine Nahaufnahmen oder rasante Kamerafahrten, es kann keine Bühnenbilder entstehen lassen, die mit dem Realismus von Filmsets mithalten können – ganz zu schweigen von den Effekten. Daher musste sich das Theater neu erfinden und seine Stärken gegenüber dem Film suchen.

Das moderne Theater folgt dagegen eher dieser Definition

A spielt (B) und C schaut zu.

Es geht nicht mehr darum, dass eine Geschichte erzählt wird, sondern lediglich darum, dass eine Person A vor einer Zuschauenden Person C agiert. Ob A eine Rolle (B) spielt bleibt offen. Eigentlich wird Theater damit auf ein Element reduziert: es ist live, so dass es eine direkte Kommunikation zwischen den Spielern und den Zuschauern geben kann.

Wie die Kommunikation ablaufen kann ist so unterschiedlich wie im Leben auch, sie kann effektiv, sachlich, emotionsgeladen, kontrovers, verwirrend, ärgerlich und vieles mehr sein.

Ein Beispiel

Nach dieser Definition ist es auch Theater, wenn ein Akteur vor einem Zuschauer steht und eine halbe Stunde lang Nägel in ein Brett schlägt.

Hier gibt es dann keine Einfühlung in die handelnde Person. Man reagiert viel mehr direkt auf die Aktion auf der Bühne. Man findet es amüsant oder ärgerlich, interessant oder todlangweilig. Aber man reagiert. Vielleicht nimmt einen der Rhythmus gefangen, dann gehen die Gedanken auf Reisen – zu sehen gibt es nichts weiter – und es werden Erinnerungen und Assoziationen ausgelöst. Vielleicht wird der Schlagrhythmus nach einer Zeit langsamer und man bemerkt wie sich der Stress, der sich über Minuten des Zusehens aufgebaut hat, langsam wieder löst und man ruhiger wird. Vielleicht verbindet sich diese Erfahrung mit dem Nachdenken über die eigene (Lebens-)Situation.

Die Bühnenaktion ist hier ein Auslöser für eine individuelle Reaktion. Je nach Vorerfahrung stellen sich andere Assoziationen und innere Bilder ein, so dass jeder Zuschauer anders reagiert und etwas anderes erlebt. Insbesondere wenn eine solche Szene nicht in eine Geschichte eingebunden ist, die einen Verständnis- oder Interpretationsansatz anbietet, kann man als Zuschauer dem Bühnengeschehen auch sehr schnell ratlos gegenüberstehen.

Zugegeben ein extremes (vielleicht auch kein gutes) Beispiel, dass eher dem Bereich der Performance entstammt, aber zwischen diesen Polen bewegt sich das Theater.

Heute sieht man oft eine Verbindung dieser Theaterarten. Das Theater erzählt noch Geschichten, aber die Art sie zu erzählen hat sich sehr verändert. Da dem Theater das Streben nach naturalistischer Darstellung genommen war und alle Theaterelemente nicht mehr auf Illusionserzeugen ausgerichtet waren, musste man herausfinden was man den ansonsten damit anfangen konnte, welche Wirkungen zu erzielen waren.

Was geschieht, wenn man Hamlet auf einer leeren Bühne spielt - kein Bühnenbild, keine stimmungsvolle Beleuchtung, alle Schauspieler in schwarzen Rollkragenpullovern?

Was passiert, wenn man von Goethes Faust nur noch die Stellen verwendet, die einen interessieren und assoziativ mit anderen Texten verbindet – möglicherweise unter Verlust der Handlung?

Wie ist es, wenn man ein Stück nicht mag und die eigene Abneigung gegen das Stück als Inszenierungsidee nimmt, oder nicht das Stück selber inszeniert, sondern die eigene Auseinandersetzung mit dem Stück?

Wie wirkt es, wenn man die Sprache als Sprechhandlung versteht. Die Schauspieler sprechen zwar den Text, aber sie beziehen sich nicht auf den Inhalt des Textes, sondern auf die Emotionen hinter dem Text? Jedes Element des Theater (Körper, Stimme, Text, Raum, Licht, Kostüme, Bühnenbild, Musik usw.) kann demnach seine eigene Wirkungsebene entfalten. Jedes Element muss nicht die Geschichte erzählen, sondern kann auf einer anderen Ebene eine Bedeutung hinzufügen, indem Assoziationen und Verbindungen aufgezeigt werden.

Im Film und im klassischen Theater steht jedes Element für das was es ist. Im Theater kann jedes Element ein Zeichen auf etwas Anderes sein.

Wird die Bühne unter Wasser gesetzt, dann bedeutet das im Theater meist nicht, dass das Stück im Wasser spielt, sondern je nach Kontext kann es unterschiedliche Assoziationen wecken. Die Welt (die Realität des Stückes) geht langsam unter. Geht jemand durch das Wasser, dann sieht man seinen Weg noch eine Weile an dem aufgewühlten Wasser, bis sich das Wasser wieder beruhigt hat. Wenn das Wasser das Licht noch an die Bühnenwände reflektiert, dann wird diese Wirkung vergrößert und verstärkt. Es ist nicht mehr nur ein Gang, sondern dieser Gang verändert den ganzen Raum. Die Bedeutungsebenen und Assoziationsmöglichkeiten sind vielfältig…

Dadurch wird das Theater sehr komplex und auch z.T. schwerer verständlich, weil man sich in diese Wirkungswelt einfinden muss. Um an diesem Theater Spaß zu haben, muss man lernen mit diesen theatralen Zeichen umzugehen und sie zu deuten. Erwartet man klassisches Theater und will das Stück genießen, sich berieseln lassen, dann liegt die Enttäuschung nahe, weil man gezwungen wird mitzudenken und zu reagieren. Man wird als Zuschauer (heraus-)gefordert.

Wenn eine solche Inszenierung gelingt, dann ist sie meist viel interessanter als reines klassisches Theater, wenn sie misslingt (und die Gefahr ist aufgrund der Komplexität sehr groß), dann lässt sie einen als Zuschauer ratlos und manchmal verärgert zurück.