Montag, 1.März
Liebes Tagebuch,
jetzt hab ich dich auch schon vernachlässigt. Aber selbst das Tagebuch-schreiben bringt mir im Moment so keinen wirklichen Trost.
Ich weiß einfach nicht, wofür ich auf der Welt bin. Bin ich dafür da, dass meine Eltern eine Tochter haben, die sie stolz präsentieren können? Die Tochter, die die beste Bildung genießt, das schönste Zimmer hat und der auch sonst an nichts Materiellem fehlt. Richtig, an materiellen Dingen fehlt mir nichts. Doch Dinge wie "Freiheit", das schenken sie mir nichts.
Und nun komme ich ja auch noch in das Alter, wo es üblich ist, seine Töchter zu verheiraten.
Himmel! - Wenn ich an Freitag zurückdenke, an die kläglichen Versuche meiner Mutter, mich aufzuklären... Das grenzte wirklich schon ans Lächerliche. Wieso unterschätzt sie mich so? Meine Eltern haben mir die beste Privatlehrerin in ganz Verona besorgt und sie glauben wirklich, dass sie mich immer mal wieder selbst "unterrichten" müssen.
Doch das sollten sie wirklich meiner Lehrerin überlassen. Die weiß sich wenigstens auszudrücken.
Es war wirklich peinlich am Freitag, ich sitze nichts-ahnend in meinem Zimmer und beobachte den Baum vor meinem Fenster, als meine Mutter hereinspaziert. Auf meine Frage, was denn ihr Anliegen sei, kam - wie erwartet - ein Stottern und sie musste sich dann erst einmal hinsetzen. Tja, Mama - passten die Worte doch nicht so recht, die du dir vor meiner Zimmertüre zurechtgelegt hattest?
Die Aufklärungsversuche möchte ich hier nicht näher aufschreiben, das grenzte wirklich schon ans Lächerliche... Ich frage mich wirklich, was meine Eltern in mir sehen.
Einerseits bin ich für sie doch das Kind, das behütet werden muss, doch andererseits werde ich älter, anscheinend haben sie das verstanden. Doch angesichts dessen, dass Mutter mit diesem Thema angefangen hat, befürchte ich fast, dass nun die Zeit gekommen ist, dass auch ich bald heiraten muss. Ich hoffe, ich irre mich.
Ob ich später auch eine so unglückliche Ehe wie meine Eltern haben werde? Man sieht sehr genau, dass die beiden sich nicht wirklich angezogen vom jeweils anderen fühlen. Vater nutzt seine Feiern, um mal wirklich Spaß zu haben und Mutter - hm, bei ihr weiß ich auch nicht so richtig, womit sie sich das Leben erträglich macht... Zufrieden ist sie mit ihrer Ehe jedenfalls nicht, sie kritisiert Papa zwar nicht offensichtlich, doch etwas unterschwellige Kritik bzw. Unzufriedenheit merkt man schon an ihrem Verhalten. Aber sowas merkt mein Vater eh nicht, ich glaube, der denkt, dass er Mama zur zufriedensten Frau in ganz Verona gemacht hat. Haha, lassen wir ihn in dem Glauben... Ich glaube trotzdem nicht, dass er zufrieden ist.
Tolle Familie sind wir. Nach außen hin die tollen Capulets.
Aber, was ich für meine Familie bedeute, das werde ich wohl nie herausfinden können. Vertrauen schenken sie mir jedenfalls nicht. Als ich gestern zu Lorenzo ging, hab ich bemerkt, wie mich zwei Diener "unaufällig" verfolgt haben. Meine Eltern lassen es also immer noch nicht. Aber die Diener waren auch schonmal unaufälliger. Sie wissen, dass ich weiß, dass sie da sind - also warum sollten sie sich anstrengen?
Was ein Schein-Getue hier...
Ich versuche dann mal, den Tag irgendwie rumzukriegen.
Hm? Oh, es hört sich so an, als ob sich die Diener mal wieder streiten. Das könnte wenigstens etwas interessant werden, ich geh mal schauen.
Deine Julia


